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Deutsche Archive enthal­ten ein reich­haltiges Spek­trum an Quellen zur mod­er­nen indis­chen Geschichte und bieten somit die Möglichkeit, durch die Erforschung der Geschichte deutsch-indis­ch­er Ver­flech­tun­gen auch neue Forschungs­felder im Bere­ich der transna­tionalen Geschichte und des his­torischen Ver­gle­ichs zu erschließen. Durch die sys­tem­a­tis­che Ein­beziehung dieser Quellen kön­nen Wissenschaftler*innen zudem die Pri­or­isierung britis­ch­er Kolo­nialarchive über­winden und so auch neue Forschungsper­spek­tiv­en in der Auseinan­der­set­zung mit der mod­er­nen indis­chen Geschichte entwickeln.

Das MIDA Archival Reflex­i­con ist Bestandteil des MIDA Recherchep­or­tals, das sich aus der Daten­bank, dem Archival Reflex­i­con und den The­ma­tis­chen Ressourcen zusam­menset­zt. Das Archival Reflex­i­con bietet einen umfassenden Überblick über Indi­en-bezo­gene Bestände in deutschen Archiv­en. Es ist ein offenes, zweis­prachiges Diskus­sions­fo­rum, auf dem the­men­be­zo­gen tief­gründig und kri­tisch über diese Bestände reflek­tiert wird. Dabei geht es nicht nur um the­o­retis­che und konzep­tionelle Fra­gen, die die Beschäf­ti­gung mit ver­flocht­e­nen transna­tionalen und glob­alen Geschicht­en aufwirft, son­dern auch um method­is­che Prob­leme, die sich aus ver­flech­tungs­geschichtlichen Forschungs­fra­gen und der damit ver­bun­de­nen Erschließung ver­flocht­en­er Archivbestände ergeben. Ein wichtiges Anliegen des Reflex­i­cons ist es, auf ver­schiede­nen Ebe­nen die Ord­nungsar­chitek­tur der Archive kri­tisch zu hin­ter­fra­gen und damit Beschränkun­gen auf eine ein­fache binäre Logik in der Erforschung der Geschichte deutsch-indis­ch­er Ver­flech­tun­gen zu überwinden.

Das Archival Reflex­i­con ist als kom­ple­men­täre Säule zur Daten­bank und zu den The­ma­tis­chen Ressourcen konzip­iert. Es ist eine stetig wach­sende, offene dig­i­tale Ressource, die der inter­na­tionalen Nutzer*innengemeinschaft online zur Ver­fü­gung ste­ht. Während die MIDA Daten­bank die Nutzer*innen durch Bestands­beschrei­bun­gen und Sach­wortverze­ich­nisse direkt an die Quellen her­an­führt und die Beiträge in den The­ma­tis­chen Ressourcen the­men­be­zo­gene Forschungs­daten­samm­lun­gen zur weit­eren Nutzung auf­bere­it­en, ist das Archival Reflex­i­con der Ort für einen inhaltlichen, method­is­chen und the­o­retis­chen Aus­tausch.  Es ist eine dig­i­tale Plat­tform, die darauf gerichtet ist, Nutzer*innen mit spez­i­fis­chen Forschungs­ge­gen­stän­den nicht nur einen umfan­gre­ichen Überblick über indi­en­be­zo­gene Quellen in deutschen Archiv­en zu geben, son­dern auch Ein­führun­gen in Bestände zu spez­i­fis­chen The­men zu liefern. Wo sollte man nach Quellen zu bes­timmten The­men suchen? Welche Bestände sind rel­e­vant und was kön­nen sie bieten? Wie hän­gen diese Bestände zusam­men und welche Synapsen und Syn­ergien sind erkennbar? Mit den Beiträ­gen im Archival Reflex­i­con wer­den die Ergeb­nisse, die in der Daten­bank ent­lang insti­tu­tioneller und ter­ri­to­ri­aler Archivlogiken erfasst sind, kri­tisch reflek­tiert. um ein Erforschen und Schreiben von Geschichte(n), das vornehm­lich eben diesen Archivlogiken fol­gt, zu vermeiden.

Diese kri­tis­che Auseinan­der­set­zung erfol­gt auf drei Ebenen:

(i) The­ma­tisch ist der Archivführer eine sich ständig erweit­ernde Plat­tform für Diskus­sio­nen über neue Forschungs­the­men. Zahlre­iche Beiträge heben bere­its in der Daten­bank ein­se­hbare Ergeb­nisse her­vor und reflek­tieren darüber unter einem bes­timmten the­ma­tis­chen Vorze­ichen, einge­bun­den in ein spez­i­fis­ches Forschung­spro­jekt (z.B. der Beitrag zu Her­bert Fis­ch­er, von welchem viele Quellen in den in der Daten­bank aufge­führten Bestän­den des Bun­de­sarchivs unterge­bracht sind). Andere Beiträge berühren The­men, die in den in der Daten­bank aufge­führten Bestän­den nicht oder nur ansatzweise vertreten sind und gehen damit bewusst über die Daten­bank hin­aus. Externe Expert*innen, die nicht im MIDA Pro­jekt arbeit­en sind ein­ge­laden, entsprechende Beiträge zu ver­fassen. Diese Strate­gie ergibt sich daraus, dass nicht sämtliche indi­en­be­zo­ge­nen Bestände in allen deutschen Archiv­en in dem MIDA zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeitraum erfasst wer­den kön­nen. Der damit ver­bun­dene akademis­che Aus­tausch mit ein­er größeren Gemein­schaft von Historiker*innen und Spezialist*innen zur mod­er­nen Geschichte Südasiens ist eine entschei­dende Voraus­set­zung für den Erfolg von MIDA, stellt aber gle­ichzeit­ig auch ein Ergeb­nis der im Rah­men von MIDA geschaf­fe­nen Möglichkeit­en dar.

(ii) In method­ol­o­gis­ch­er Hin­sicht bieten Beiträge im Archival Reflex­i­con eine ver­tiefende Diskus­sion darüber, wie die Daten­bank die Architek­tur der darin aufge­führten Archivbestände “dig­i­tal” trans­formiert und welche Fol­gen sich daraus ergeben. Bestände mit Bezug zu Indi­en sind nach dem Prove­nien­zprinzip in deutschen Archiv­en unterge­bracht. Die MIDA-Daten­bank trans­formiert diese Kat­e­gorisierun­gen nach dem Prinzip der Per­ti­nenz, indem die entsprechen­den Quellen mit einem Bezug zu Indi­en extrahiert und somit the­ma­tisch neu (ein)geordnet wer­den. Das heißt, die Daten­bank spiegelt zwar ein­er­seits die Architek­tur des betr­e­f­fend­en Archivs, stellt aber ander­er­seits gle­ichzeit­ig die indi­en­be­zo­ge­nen Quellen in einem neuen sys­tem­a­tis­chen Zusam­men­hang dar. Die the­men­be­zo­ge­nen Beiträge im Reflex­i­con laden dazu ein, die method­is­chen Fra­gen dieser neuen Kat­a­l­o­gisierun­gen am konkreten Beispiel zu disku­tieren und damit die Logiken der Daten­bank wieder zu durchbrechen.

(iii) The­o­retisch beziehen sich die Diskus­sio­nen inner­halb des Archival Reflex­i­cons vor allem auf eine zen­trale Frage: Wie kann ein Pro­jekt wie MIDA eine neue Struk­tur von Meta­dat­en schaf­fen, die die insti­tu­tionelle und ter­ri­to­ri­ale Logik beste­hen­der Archive durch­dringt und gle­ichzeit­ig ver­mei­det, diese Logik durch eine eben­so enge und gebi­ets­ge­bun­dene bilat­erale “indo-deutsche” Logik zu erset­zen? Welche For­mate von Such­hil­fen sind erforder­lich, um die falsche Tren­nung von “tech­nisch” und “wis­senschaftlich” zu über­winden? Darüber hin­aus befassen sich Beiträge mit den Zusam­men­hän­gen von ver­flocht­e­nen Archiv­en und ver­flocht­e­nen Geschicht­en, mit den Anforderun­gen an dig­i­tale Geis­teswis­senschaften oder mit Debat­ten über Verbindun­gen von insti­tu­tionellen und oral histories.

Beiträge im Rah­men des Archival Reflex­i­con kön­nen sich auf diesen drei Ebe­nen kri­tisch mit ganz unter­schiedlichen Fra­gen auseinan­der­set­zen. Der zen­trale Fokus aller Beiträge sind Bestände zum mod­er­nen Indi­en in deutschen Archiven.

Autor*innen kön­nen sich den Bestän­den the­men­be­zo­gen, mit ein­er spez­i­fis­chen Forschungs­frage näh­ern und somit Forschen­den einen detail­lierten Überblick über entsprechende Quel­lenbestände liefern. Mar­tin Christof-Füch­sle beleuchtet zum Beispiel die Mysore-Kriege im 18. Jahrhun­dert aus der Sicht der Ange­höri­gen des Han­nover­an­er Reg­i­ments. Er beschreibt nicht nur den his­torischen Hin­ter­grund der Kriege, die rel­e­van­ten Bestände zum The­ma in deutschen Archiv­en, son­dern gibt auch eine Bew­er­tung der Quellen und Bestände sowie eine Liste ver­wandter Archive, Archivquellen und eine Über­sicht über rel­e­vante Sekundär­lit­er­atur zu diesem The­ma. Inhaltlich direkt mit diesem Beitrag verknüpft ist der Text von Chen Ashke­nazi, in dessen Mit­telpunkt Archivbestände über deutsche Sol­dat­en in Indi­en im 18. Jahrhun­dert stehen.

Die Texte kön­nen von einem speziellen Archiv aus­ge­hen und dessen indi­en­be­zo­gene Bestände beleucht­en. Das ist beispiel­sweise der Fall in dem Artikel von Brigitte Kloster­berg über die Mis­sions­bestände im Archiv der Franck­eschen Stiftun­gen in Halle, der sich auf die Arbeit der Dänisch-Halleschen Mis­sion in Südin­di­en bezieht.

Einige Artikel des Reflex­i­cons sind nicht nur mit der Daten­bank, son­dern auch direkt mit einem Beitrag in den The­ma­tis­chen Ressourcen verknüpft. So sind beispiel­sweise Bestands­beschrei­bun­gen zu indi­en­be­zo­ge­nen Samm­lun­gen im Archiv des ZMO, Berlin, Teil der MIDA Daten­bank. Eine aus­führliche Auseinan­der­set­zung mit Teilen des Nach­lass­es des His­torik­ers und Südasien­wis­senschaftlers Horst Krüger erfol­gt in dem Archival Reflex­i­con-Text von Razak Khan und eine Auflis­tung aller dort vorhan­de­nen Quellen zu Moham­mad Kun­war Ashraf in der entsprechen­den The­ma­tis­chen Ressource.

Das MIDA Archival Reflexikon ist somit ein reflex­ives Lexikon, in dem darüber nachgedacht wird, wie man durch indi­en­be­zo­gene Bestände in deutschen Archiv­en navigiert, sich einen Überblick über diese Bestände zu bes­timmten The­men ver­schafft und wie man sich kri­tisch mit größeren the­o­retis­chen und method­is­chen Debat­ten auseinan­der­set­zt, die sich durch das Auffind­en, Extrahieren, Auflis­ten, Ord­nen und Index­ieren von Infor­ma­tio­nen ergeben.

Nutzung und Kontakt:

Das Archival Reflex­i­con wird von Anan­di­ta Baj­pai und Heike Liebau her­aus­gegeben. Es ist Bestandteil des DFG Langfristvorhabens „Das Mod­erne Indi­en in Deutschen Archiv­en 1706–1989)“. Für die tech­nis­che Umset­zung zeich­nen Mon­ja Hof­mann und Nico Putz verantwortlich.

Selb­stver­ständlich kön­nen Benutzer*innen jeden Beitrag, den sie ver­wen­den möcht­en, herun­ter­laden oder als pdf spe­ich­ern. Die Beiträge haben eine offizielle ISSN-Num­mer und sind eine Open-Access Online-Publikation.

Wer einen eige­nen Beitrag für das Archival Reflex­i­con ver­fassen möchte, find­et auf der Web­site Richtlin­ien für Autor*innen. Beiträge kön­nen in deutsch­er oder englis­ch­er Sprache ein­gere­icht wer­den. Bitte kon­tak­tieren Sie die Herausgeberinnen.

Wir wün­schen Ihnen viel Spaß beim Navigieren und freuen uns auf Ergänzun­gen, kri­tis­che Kom­mentare und natür­lich auf neue Beiträge!

Anan­di­ta Baj­pai, Leib­niz-Zen­trum Mod­ern­er Orient

MIDA Archival Reflex­i­con

Edi­tors: Anan­di­ta Baj­pai, Heike Liebau
Lay­out: Mon­ja Hof­mann, Nico Putz
Host: ZMO, Kirch­weg 33, 14129 Berlin
Con­tact: archival.reflexicon [at] zmo.de

ISSN 2628–5029