Projektverantwortlicher: Karl Müller-Bahlke
Projektstatus: laufend
Die indische Entwicklungsplanung nach 1947 ist seit langem Forschungsthema für internationale Ökonom*innen und Historiker*innen. Die Möglichkeiten und Grenzen des indischen Modells sind Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Diskussionen über Themen von globaler Ungleichheit bis zu den Ursprüngen des Neoliberalismus. Als größtes nichtkommunistisches Projekt seiner Art kommt dem Verhältnis staatlicher und privater Akteure in diesem Projekt eine besondere Rolle zu. Im Zentrum des „Nehruvianischen“ Entwicklungsmodells (benannt nach dem ersten indischen Premierminister Jawaharlal Nehru) standen die Hüttenwerke des öffentlichen Sektors, die die indische Wirtschaft mit dem für eine schnelle Industrialisierung benötigten Stahl versorgen sollten.
Die Errichtung integrierter Hüttenwerke bedeutete für die indischen Planungsbehörden einen strategischen Widerspruch: Einerseits war die heimische Stahlproduktion von zentraler Bedeutung für das gewählte Modell der „importsubstituierenden Industrialisierung”, das die wirtschaftliche Abhängigkeit von ausländischen Mächten verringern sollte. Andererseits konnten die riesigen integrierten Hüttenwerke nur mit ausländischer technischer Hilfe gebaut werden. Die Lösung war eine geopolitische Diversifizierung: Großbritannien, die Sowjetunion und Westdeutschland wurden jeweils an einem der Werke der ersten Generation beteiligt. Das Werk in Rourkela wurde mit Hilfe eines Konsortiums aus Stahl- und Maschinenbauunternehmen rund um Krupp und Demag gebaut.
Die Archivquellen dieser Unternehmen ermöglichen eine Bereicherung der auf der Makro-Ebene kontrovers geführten Debatte um Verflechtung von Wirtschaft und Staat in den indischen Entwicklungsbemühungen. Sie erlauben den Einblick in eine zentrale Arena, in der die Bedingungen dieser Verflechtung ausgehandelt wurde: Der Betrieb des integrierten Hüttenwerkes. Das Projekt untersucht diese Quellen, um herauszufinden, wie die spezifischen Anforderungen der Errichtung solcher Werke die Agenda verschiedener Akteure beeinflussten: von den lokalen, regionalen und nationalen staatlichen Strukturen in Indien bis hin zu indischen, deutschen und britischen Privatunternehmen. In einer vergleichenden Untersuchung mit britischen Quellen werden die Ursprünge dieser Werke bis in die turbulente zweite Hälfte der 1940er Jahre zurückverfolgt, einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen den jeweiligen Staaten und ihrer Stahlindustrien nicht nur in Indien, sondern auch in Großbritannien und Deutschland noch sehr viel offener waren, als sie heute erscheinen.
