Projektverantwortlicher: Dr. Martin Christof-Füchsle
Leitung: Prof. Dr. Ravi Ahuja
Projektstatus: laufend
Das Projekt betrachtet Übersetzungen aus modernen indischen Sprachen, darunter auch aus dem indischen Englisch, die in der DDR in einem Spannungsfeld zwischen Ideologie und Kulturdiplomatie veröffentlicht wurden. Unter Bezugnahme auf die offiziellen Rahmenbedingungen des Verlagswesens in der DDR, die durch die institutionalisierte Praxis der Zensur gekennzeichnet waren, wird der Diskurs zur politisch-ideologischen Bewertung des Textes und des Autors analysiert. Darüber hinaus ist die literarische bzw. ästhetische Bewertung der Texte von Interesse, vor allem im Hinblick auf ein postuliertes Ideal einer für das „Leseland“ DDR akzeptablen „internationalen Gegenwartsliteratur“. Insgesamt gab es zwischen 1963 und 1990 etwa 45 solcher Übersetzungen aus indischen Sprachen, die zu Beginn oft über das Englische oder Russische vermittelt waren.
Geplant sind drei Beiträge. Ein bereits erschienener Artikel – entstanden aus einem Vortrag auf der Konferenz „Nodes of Translation: Rethinking Modern Intellectual History between South Asia and Germany (7. – 9. Juli 2022) – liefert eine Einführung in das Zensursystem der DDR sowie einen Überblick über die Diskussion der interessantesten bzw. kontrovers bewerteten Werke indischer Autoren in Übersetzung. (“International GDR Literature, Censorship and the Publication of Translations from Modern Indian Languages in the GDR”, in Nodes of Translation. Intellectual History between Modern India and Germany, ed. Martin Christof-Füchsle and Razak Khan, 293–322. Berlin: De Gruyter, 2024.)
Eine Fallstudie wird sich mit dem in der DDR vorherrschenden Bild Rabindranath Tagores in den späten 1950er Jahren befassen, wie es sich in den Gutachten zu den Druckgenehmigungsanträgen für Übersetzungen seiner Werke – den „Zensurunterlagen“ – darstellt und dann analysieren, wie sich dieses Bild nach der Entscheidung der DDR-Führung, prominent an den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Bengali-Autors 1961 teilzunehmen, in Vorträgen, wissenschaftlicher und populärer Literatur sowie Festadressen verändert, was sich in der Folge wiederum in den später entstandenen „Zensurunterlagen“ niederschlägt.
Ein letzter Beitrag wendet sich zur Ergänzung der Diskussion der Gattung der Report- und Reiseliteratur über Indien zu, wie sie von deutschsprachigen Autoren der DDR verfasst wurde. Auch hier wird die Dokumentation der Druckgenehmigungsvorgänge analysiert, um nachzuweisen, auf welche Art und in welchem Umfang die Zensurbehörde, Vertreter des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten oder der Partei in die Entstehung dieser Originaltexte eingreifen, um ein auf die jeweilige zeitgenössische politische Situation abgestimmtes Bild von Indien zeichnen zu lassen – eine Beeinflussung des Schreibvorganges, die in dieser Art bei der Übersetzung von fremdsprachigen Texten nicht möglich ist.
In allen drei Beiträgen soll immer auch die Rolle der Akteure – Verlagslektoren, Gutachter, Übersetzer sowie Kulturfunktionäre – im Blickfeld stehen. Ich gehe davon aus, dass die Analysen der Bewertungen literarischer Werke aus modernen südasiatischen Sprachen zeigen werden, dass sie die politischen Entwicklungen in der DDR, die interne Kulturpolitik sowie die bilateralen Beziehungen zwischen Indien und der DDR widerspiegeln. Dies soll Aufschluss geben über die Rolle von Übersetzungen in der Kulturdiplomatie der DDR gegenüber Indien vor der politischen Anerkennung der DDR und danach. Ebenso soll die Analyse der Report- und Reiseliteratur Licht auf die Beziehungen zwischen der DDR und Indien werfen und in der DDR herrschende offizielle Indienbilder herausarbeiten. Auf diese Weise hoffe ich, sowohl diese Werke als auch die veröffentlichten Übersetzungen in den weiteren Rahmen der verflochtenen Beziehungen Südasiens und der DDR im Bereich von Literatur, Kultur und Politik einordnen zu können.
